IM PULS | BEETHOVEN

„Gottheit du siehst herab auf mein inneres,
du kennst es, du weist, daß menschenliebe
und neigung zum Wohlthun drin Hausen“

Beethoven, Heiligenstädter Testament

Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag steht 2020 in der gesamten Musikwelt im Fokus der Aufmerksamkeit. Auch die Singakademie Dresden kann sich der Sogwirkung, die von diesem Ereignis ausgeht, nicht entziehen – dies umso mehr, als der Chor von 1953 – 1985 den Namen „Beethovenchor“ trug und die Aufführung gerade der 9. Sinfonie zu den jährlichen Traditionen des Ensembles zählt. Allerdings war Beethoven kein typischer Chorkomponist. Seine oratorischen Werke halten sich zahlenmäßig in Grenzen, es gibt kaum relevante A-cappella-Stücke des Meisters. So entstand die Idee, zum Jubiläum alle bedeutenden Chorwerke Beethovens aufzuführen. Zugleich sollen die Impulse untersucht werden, die zu Beethoven führten und von ihm ausgingen.

IM PULS | BEETHOVEN meint aber durchaus noch mehr. Der Puls des Musizierens war zu Beethovens Zeit eine ganz außerordentlich bedeutsame Größe. Nach verschiedenen Vorläuferkonstruktionen wurde 1815 das Metronom als ein musikalischer Zeitmesser – ein Impulsgeber – erfunden. Beethoven hat viele seiner Werke mit genauen Angaben, in welchen Tempi sie zu musizieren seien, versehen. Noch heute werden diese Angaben kontrovers diskutiert, vor allem aber sträflich missachtet. Mit unseren Aufführungen wollen wir versuchen, Beethovens originalen „Impulsen“ ein Stück weit auf die Spur zu kommen, auch, indem einige der Werke im Klanggewand originaler Instrumente musiziert werden.

Darüber hinaus durchzieht der Puls seiner Zeit Beethovens Werk und seine Biografie in ganz besonderer Weise. Die Impulse von 1789, jene des aufstrebenden Napoleon – von dem er sich schnell distanziert, später die Ereignisse um 1815, die Werke Kants, Fichtes, Schillers, Goethes und vieler Zeitgenossen durchweben den intellektuellen und damit den musikalischen Kosmos dieses Genies. Möglich, dass gerade diese Facette seiner Werke es sind, die seine Sinfonien, Klaviersonaten, Streichquartette, seine Leonore oder Fidelio und eben auch die Chorwerke unsterblich gemacht haben, weshalb sie uns heute mehr denn je aufwühlen und angehen. Wir spüren die Kraft der Auseinandersetzung, mit denen der Komponist seine Musik der Zeit abgerungen und in pulsierende Töne gefasst hat. Dieser zweite – inhaltliche – Aspekt des Nachdenkens über Impulse Beethovens und über das Im-Puls-seiner-Zeit-Sein wird uns nachdrücklich beschäftigen.

Der Kanon der Aufführung aller bedeutenden Chorwerke Beethovens begann schon in der Saison 2019 mit den Aufführungen von:

  • Meeresstille und glückliche Fahrt (Juni 2019 in Dresden und Riesa)
  • Chorfantasie (Riesa 2019)
  • 9. Sinfonie (Dresden und Radebeul, Dezember 2019)

 
Die Reihe wird nun fortgesetzt in der Saison 2020 mit:

  • Christus am Ölberge (April)
  • Kantate auf den Tod Josephs II. (Mai)
  • Missa solemnis (Juni)
  • Elegischer Gesang und Beethoven a-cappella (September)
  • Messe C-Dur (Dezember)
  • 9. Sinfonie (Dezember)

 
Zu erleben ist damit quasi das komplette chorische Gesamtwerk innerhalb kürzester Zeit (zwei Kantaten fehlen: Eine auf die Krönung Kaiser Leopolds II. und eine zum Wiener Kongress 1815; sie gelten eher als Gelegenheitswerke).

Kontraste

Vielfältig wie immer bei der Singakademie sind die kontrastierenden Gegenüberstellungen. Mit Andreas Rombergs Schiller-Vertonung Das Lied von der Glocke erklingt ein wahrhaftes Juwel und ein Zeitdokument von hohem Rang. Die wenigen A-cappella-Werke Beethovens werden in den Kontext zu Werken des Magdeburger Meisters Johann Heinrich Rolle gesetzt, einem aufgeklärten Geist aus Mitteldeutschland, der als Meister und wichtiger Vorläufer der Zeit Beethovens gelten kann (in einer Vesper in der Kreuzkirche). Der Weihnachtsteil aus Händels Messias erklingt in der Fassung von Mozart und damit in einer Form, die direkt zu Beethovens Chorsinfonik hinführt. Der Abend wird mit einer noch zu schaffenden Klanginstallation ‚umhüllt‘, die das Publikum im Heute abholt und es dorthin wieder entlässt. Einen internationalen Kontrast setzt die Mass des südafrikanischen Komponisten Peter Klatzow.

Jugend + Kammerchor

IM PULS und am Puls der Zeit möchte die Singakademie auch hinsichtlich ihrer Nachwuchsförderung bleiben. Seit längerer Zeit schon laufen Gespräche und Vorbereitungen zu Gründung eines Jugend + Kammerchores, der die Lücke zwischen dem Kinderchor und dem Großen Chor füllt. Die Erfahrung des Kammerchores soll dabei mit dem Entdeckergeist von Jugendlichen aus ganz Dresden verbunden werden, die sich für Chorgesang auf ambitioniertem Niveau interessieren. Es gilt, Angebote für junge Erwachsene zu profilieren, die später in die Chöre hineinwachsen. Dies möchte die Singakademie 2020 auf den Weg bringen und dafür auch zusätzliche Ressourcen in der Chorleitung bereitstellen.

Chor der Generationen

Nicht zuletzt verfolgen wir damit das Ziel, auch 2020 als generationenübergreifendes Ensemble aufzutreten, bei dem die Jüngsten mit 5 Jahren einsteigen können und die Ältesten im Seniorenchor die Möglichkeit haben, weiter qualitätvoll miteinander zu musizieren. Mit der Kinderchorexpertin Claudia Sebastian Bertsch steht der Singakademie weiterhin Dresdens bekannteste und aktivste Spezialistin für das Spektrum der Jüngeren zur Verfügung, über ihre Positionen an der Semperoper und im HSKD ist sie in Dresden bestens vernetzt und setzt wichtige Akzente im Nachwuchsbereich. Robert Schad – als Chorleiter in Dresden vielfach aktiv und ausgezeichnet – leitet allwöchentlich die Älteren an, die sowohl ihr eigenes Programm veranstalten als auch an ausgewählten Konzerten des Großen Chores partizipieren.

Nachwuchsförderung

Die Zusammenarbeit mit dem Dirigentenforum des Deutschen Musikrates bildete in den zurückliegenden Jahren einen Schwerpunkt unserer Projekte. Eine große Zahl junger Leute, die mit dem Chor gearbeitet haben oder in Dirigierseminaren aufgetreten sind, haben unterdessen erstaunliche Karrieren angetreten, so u. a. Eun Sun Kim (Gastdirigentin in San Francisco, Houston, Berlin, Dresden, München), Markus Landerer (Domkapellmeister am Wiener Stephansdom), Paul Johannes Kirschner (Kapellmeister Staatstheater Mainz), Christiane Büttig (Leiterin des Uni-Chores Dresden), Manuel Pujol (Chordirektor Staatsoper Stuttgart), Karl Bernewitz (Chordirektor Landesbühnen Sachsen), Cornelius Volke (stv. Chordirektor Semperoper), Karl Hänsel (Chordirektor Lübecker Knabenkantorei). Im letzten Jahr waren Franziska Kuba und Christoph Schäfer als Stipendiaten des Musikrates Gäste eines Seminars. Aktuell leitet Robert Schad den Seniorenchor und ist gleichzeitig Assistent des Großen Chores, Jurgita Cesonyte und Benedikt Kantert sind weitere Assistenten und widmen sich insbesondere dem Kammerchor. Zum Schumann-Wettbewerb Zwickau wird es nunmehr eine besondere Initiative geben: Im Eröffnungskonzert erklingen sinfonische Chorballaden von Robert Schumann unter Leitung von jungen Dirigentinnen und Dirigenten. Das vorgeschaltete Seminar leitet kein geringerer als Howard Arman, der Chef des Bayerischen Rundfukchores und die Singakademie ist einer der teilnehmenden Chöre. Veranstaltet wird das Format vom Chorverband VDKC, über den die Singakademie national verbunden ist mit zahlreichen Aktivitäten wie bspw. dem Deutschen Chorfestival, das 2021 wieder stattfindet.

Wir danken ganz besonders unseren Partnerorchestern! Es sind 2020 insbesondere die Elbland Philharmonie Sachsen, Sinfonietta Dresden, das Dresdner Barockorchester, das Ensemble Charpentier sowie die Clara-Schumann-Philharmonie Plauen Zwickau. Zu den ständigen Kooperationspartnern zählen natürlich – wie stets – die Landesbühnen Sachsen.

Abschied und neue Impulse

Gestatten Sie mir bitte an dieser Stelle noch ein paar Worte in eigener Sache. Als junger Assistent habe ich einst beim Beethovenchor unter Christian Hauschild begonnen, nach meiner Rückkehr nach Dresden 2004 die Singakademie als künstlerischer Leiter übernommen. Seither hat der Chor ein riesiges und ambitioniertes Programm absolviert. Neben den Oratorien des barocken, klassischen und romantischen Repertoires erklangen Werke von Britten, Bartók, Denissow, Dessau, Eisler, Henze, Honegger, Janáček, Martin, Martinů, Rautavaara, Szymanowski bis hin zu Terterian und – nicht zu vergessen – Theodorakis! Ur- und Erstaufführungen prägten unsere gesamten Jahresprogramme: Arroyo, Bredemeyer, Füting, Herchet, Keuk, Klemm, Krätzschmar, Otto, Preé, Voigtländer, Weiß sowie zuletzt sogar Stücke von Jugendlichen der Kinderkomponistenklasse waren mit Novitäten in beeindruckender Qualität zu erleben. Doch auch mit historischen Instrumenten und barockem Dresdner Repertoire wurden Akzente gesetzt: Passionen und Messen erklangen u. a. von Gebel, Fehre, Schuster und Homilius. Schumanns Faust-Szenen und Genoveva sind eine ebenso wertvolle Erinnerung wie Webers Oberon und seine beiden Messen, die 2006 in Dresden erstmals im historischen Klanggewand mit dem collegium 1704 aufgeführt wurden.

Mit Beethoven und seinen Impulsen ist es nun Zeit, den Staffelstab weiterzugeben und auch dem Chor neue Impulse in Gestalt neuer und anderer Ideen zu geben. Die Saison 2020 wird deshalb meine letzte als künstlerischer Leiter der Singakademie sein. Dem Chor bin ich unendlich dankbar für die Leidenschaft, mit der meine Konzepte, Ideen und die vielen ambitionierten Projekte umgesetzt wurden! Unserem Publikum danke ich an dieser Stelle ganz besonders für seine Treue und alle Ermutigung! Gleichviel ob in Dresden, Leipzig, Zwickau, Magdeburg, München, Stuttgart, Salzburg, Coventry, Oxford, Stratford upon Avon, Johannesburg, Kapstadt, in Schwarzenberg, Wurzen oder Mauersberg – es war stets eine Freude, dieses wundervolle Ensemble leiten zu dürfen. Damit diese Vitalität auch weiter den Chor prägt, müssen nun jüngere Leute einen neuen Puls vorgeben. IM PULS | BEETHOVEN ist deshalb ein geeigneter Zeitpunkt, DANKE zu sagen!

In herzlicher Verbundenheit

Ihr

Ekkehard Klemm

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